🌐 Nutation
Wir diskutieren das Phänomen der Nutation ohne Einschränkung der Allgemeinheit am Beispiel eines kräftefrei gelagerten Kreisels, für den die Richtung und der Betrag von \(\vec{L}\) zeitlich konstant sind. Verläuft \(\vec{L}\) entlang einer der Hauptträgheitsachsen sind auch die Richtung und der Betrag von \(\vec{\omega}\) zeitlich konstant und nach Gleichung (4) hier gilt \(\vec{\omega}\parallel\vec{L}\), wie in Abb. 1 (a) gezeigt:
Abb. 1: Lage von \(\vec{L}\) und \(\vec{\omega}\) für einen symmetrischen Kreisel, (a) für den Fall, dass \(\vec{L}\) entlang der Figurenachse \(\hat{z}\) verläuft, und (b und c) für den Fall, dass dies nicht zutrifft
Zur weiteren Vereinfachung der Diskussion legen wir unseren Betrachtungen weiterhin das Modell eines symmetrischen Kreisels, mit der Figurenachse \(\hat{z}\) zugrunde.
Verläuft \(\vec{L}\) nicht entlang einer der Hauptträgheitsachsen, ändert \(\vec{\omega}(t)\) als Funktion der Zeit die Richtung und der Kreisel vollzieht eine Nick- oder Nutationsbewegung, wie in Abb. 2 gezeigt:
Abb. 2: Bewegungsablauf des Kreisels für den (a) prolaten und (b) oblaten symmetrischen Kreisel
- Im raumfesten Bezugssystem K umläuft die momentane Drehachse \(\vec{\omega}(t)\) den (in K ruhenden) Drehimpulsvektor \(\vec{L}\) auf dem Rastpolkegel (rot).
- Im körperfesten Bezugssystem \(\mathrm{\widetilde{K}}\) umläuft \(\vec{\omega}\) zur gleichen Zeit (die in \(\mathrm{\widetilde{K}}\) ruhende Figurenachse) \(\hat{z}\) auf dem Gangpolkegel (blau).
- Die resultierende Bewegung lässt sich durch ein schlupffreies Abrollen des Gangpolkegels auf dem Rastpolkegel in K beschreiben.
- Auf der Berührlinie der beiden Kegel liegt \(\vec{\omega}(t)\).
- Die Figurenachse \(\hat{z}\) des Kreisels beschreibt dabei den Nutationskegel (schwarz) in K, dessen Kegelachse mit \(\vec{L}\) zusammenfällt.
Der genaue Ablauf dieser Bewegung hängt von der Beschaffenheit des Kreisels ab:
- 🔔 Für den prolaten Kreisel (\(\theta_{z}\lt\theta_{\perp}\), Abbildungen 1 (b) und 2 (a)) liegt \(\vec{\omega}\) zwischen \(\hat{z}\) und \(\vec{L}\); der äußere Mantel des Gangpolkegels rollt auf dem äußeren Mantel des Rastpolkegels ab; in K kreisen \(\vec{\omega}\) und \(\hat{z}\) in Phase um \(\vec{L}\).
- 🔔 Für den oblaten Kreisel (\(\theta_{z}\gt\theta_{\perp}\), Abbildungen 1 (c) und 2 (b)) liegt \(\vec{L}\) zwischen \(\hat{z}\) und \(\vec{\omega}\); der innere Mantel des Gangpolkegels rollt auf dem äußeren Mantel des Rastpolkegels ab; in K kreisen \(\vec{\omega}\) und \(\hat{z}\) gegenphasig um \(\vec{L}\).
Um die Nutation quantitativ besser zu verstehen empfiehlt es sich \(\vec{\omega}\) in einen Anteil \(\vec{\omega}_{\hat{z}}\) parallel zu \(\hat{z}\) und einen Anteil \(\vec{\omega}_{N}\) parallel zu \(\vec{L}\) zu zerlegen:
wie in Abb. 3 dargestellt:
Abb. 3: Definitionen zum quantitativen Verständnis der Nutation
Ebenfalls in die Skizze eingetragen sind der Öffnungswinkel des Gangpolkegels \(\alpha\) und der Öffnungswinkel des Nutationskegels \(\beta\).
Mit diesen Definitionen ergeben sich die folgenden Zusammenhänge:
Für kleine Werte von \(\beta\) ergibt dies:
Tipp
Wie aus Gleichung \(\eqref{eq_Nutation}\) ersichtlich gilt für den oblaten (prolaten) Kreisel \(\omega_{N}\gt\omega\) (\(\omega_{N}\lt\omega\)).
Die obigen Betrachtungen gelten für einen einfachen symmetrischen Kreisel. Im Fall des Kreisels den Sie für diesen Versuch verwenden (siehe z.B. Abb. 1 hier), müssen die Trägheitsmomente der massiven Kardanrahmen bei der Beschreibung der Kreiselbewegung berücksichtigt werden. Bei Drehungen um \(\hat{x}\) dreht sich der innere, bei Drehungen um \(\hat{y}\) sowohl der innere, als auch der äußere Kardanrahmen mit. Für die Trägheitsmomente gilt daher:
wobei \(\theta_{x}=\theta_{y}=\theta_{\perp}\) die Trägheitsmomente des Rotors, \(\theta_{x}^{(i)}\) und \(\theta_{y}^{(i)}\) die Trägheitsmomente des inneren und \(\theta_{x}^{(a)}\) das Trägheitsmoment des äußeren Kardanrahmens sind. Unter diesen Voraussetzungen ergibt sich für kleine Werte von \(\beta\) (ohne Beweis)
📌 Erwartung
Was wir an dieser Stelle von Ihnen erwarten:
Lernziele
- Sie haben eine anschauliche Vorstellung vom Phänomen der Nutation.
- Sie können erklären, wann Nutation auftritt.
- Sie kennen die Gleichungen \(\eqref{eq_Nutation}\) und \(\eqref{eq_Nutation_2}\) und können sie anwenden.
📝 Selbsttest
Fragen
- Tritt Nutation nur beim symmetrischen Kreisel auf?
- Tritt Nutation nur beim kräftefrei gelagerten Kreisel auf?
- Was bedeutet kräfte- bzw. momentenfreie Lagerung beim Kreisel?


