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🌐 Parameterschätzung

➡️ Bestimmung von Parametern mit Hilfe der \(\chi^{2}\)-Methode

Bei der Parameterschätzung vergleichen wir eine Menge von \(n\) Datenpunkten

\[ \begin{equation*} \{\hat{r}_{i}=(\hat{x}_{i}, \hat{y}_{i}):\quad i=1\ldots n\} \end{equation*} \]

mit einem Modell \(\Omega(r;\,\{\theta_{j}\})\), das von \(k\) Parametern

\[ \begin{equation*} \{\theta_{j}:\quad j=1\ldots k\} \end{equation*} \]

abhängen kann.

Im Rahmen einer Optimierungsaufgabe sind diejenigen Werte \(\{\hat{\theta}_{j}\}\) zu finden, mit denen \(\Omega(r;\,\{\theta_{j}\})\) die \(\{\hat{r}_{i}\}\) "am besten" beschreibt.

Um diese Aufgabe lösen zu können brauchen wir eine Funktion, mit deren Hilfe wir quantifizieren können, inwiefern eine Beschreibung "besser" ist als eine andere. Eine solche Funktion bezeichnet man als Kostenfunktion.

Wir wählen die Funktion

\[ \newcommand\normx[1]{\left\Vert#1\right\Vert} \begin{equation} \begin{split} &z\left(\{\theta_{j}\};\,r,\{\hat{r}_{i}\}\right) = \sum\limits_{i=1}^{n}\left(\underbrace{ \frac{\min\limits_{r}\normx{\vphantom{\frac{1}{2}}\Omega(r;\,\{\theta_{j}\})-\hat{r}_{i}}_{2}}{\Delta \hat{r}_{i}} } \right)^{2}. \\ &\hphantom{cccccccccccccccccccccccccccccc}\equiv \delta(\Omega,\hat{r}_{i})\\ \end{split} \end{equation} \]

Es ist die Zustandssumme der Quadrate der auf die Unsicherheiten \(\{\Delta \hat{r}_{i}\}\) normierten minimalen Abstände von \(\Omega\) zu den \(\{\hat{r}_{i}\}\).

Tip

Ein Vergleich mit Gleichung (7) hier zeigt, dass es sich beim Ausdruck in der Klammer um die Spannung zwischen \(\Omega\) (ohne Unsicherheit) und \(\hat{r}_{i}\) handelt.

Die Optimierungsaufgabe besteht darin, den kleinsten Wert von \(z\) im Raum der \(\{\theta_{j}\}\) zu finden. Diese Methode wird als Methode der kleinsten Quadrate oder \(\chi^{2}\)-Methode bezeichnet. Eine anschauliche Darstellung am Beispiel der Anpassung einer linearen Funktion \(\Omega\) an fünf Datenpunkte \(\{\hat{r}_{i}\}\) in zwei Dimensionen ist in Abb. 1 gezeigt:


Abb. 1

Abb. 1: Veranschaulichung der Methode der kleinsten Quadrate am Beispiel der Anpassung einer linearen Funktion \(\Omega\) an fünf Datenpunkte \(\{\hat{r_{i}}\}\) in zwei Dimensionen


  • Die gepunktete Linie zwischen \(\hat{r}_{5}\) und \(\Omega\) veranschaulicht den kleinsten Abstand.
  • \(\Delta \hat{r}_{5}\) wird durch die graue Ellipse abgeschätzt.
  • \(z\) ist die Summe der Abstände über alle Datenpunkte.

Diese Aufgabe ist nicht analytisch geschlossen lösbar. Sie muss von Computern mit Hilfe numerischer Methoden gelöst werden.

Zur Vereinfachung macht man in Textbüchern oft die folgenden Annahmen, die i.a. jedoch eher selten erfüllt sind:

  • 🤷‍♂️ Die Werte \(\{x_{i}\}\) sind Ausprägungen einer Zufallsgröße \(x\), die selbst keine Unsicherheiten haben;
  • 🤷‍♂️ Das Modell \(\Omega(x;\{\theta_{j}\})\) ist eine Funktion von \(x\) und der Parameter \(\{\theta_{j}\}\).

In diesem Fall nimmt Gleichung (1) die geläufigere Form

\[ \begin{equation} z\left(\{\theta_{j}\},\{x_{i}\};\,\{\hat{y}_{i}\}\right) = \sum\limits_{i=1}^{n}\left(\frac{\Omega(x_{i};\{\theta_{j}\})-\hat{y}_{i}}{\Delta \hat{y}_{i}}\right)^{2} \label{chi2-simple} \end{equation} \]

an.

Diese Vereinfachung ist in Abb. 2 veranschaulicht:


Abb. 2

Abb. 2: Veranschaulichung einer Vereinfachung der Methode der kleinsten Quadrate, aus Abb. 1


  • Die \(\{x_{i}\}\) haben keine Unsicherheiten.
  • Die gepunktete Linie zwischen \(\hat{r}_{5}\) und \(\Omega\) veranschaulicht den Abstand in \(y\).
  • \(\Delta \hat{y}_{i}\) ist durch die Messung gegeben und muss nicht abgeschätzt werden.

Für Gleichung \(\eqref{chi2-simple}\) kann die Optimierungsaufgabe analytisch geschlossen gelöst werden, solange \(\Omega\) nur linear von den Parametern \(\{\theta_{j}\}\) abhängt.

➡️ \(\chi^{2}\)-Verteilung

Der Name \(\chi^{2}\)-Methode leitet sich aus der folgenden Tatsache ab:

Wir interpretieren die \(\{r_{i}\}\) als Zufallsvariablen, die nach einer allgemeinen Wahrscheinlichkeitsdichte verteilt sind.

Die Größe \(z\) ist eine Funktion von Zufallsvariablen und damit ebenfalls eine Zufallsvariable. Man bezeichnet \(z\) allgemein als Schätzfunktion. Diese ist wiederum selbst nach einer (zunächst unbekannten) Wahrscheinlichkeitsdichte verteilt, die man Stichprobenverteilung nennt.

Im allgemeinen ist es nicht möglich für die Stichprobenverteilung eine mathematisch geschlossene Form anzugeben. Sind die \(\{r_{i}\}\) aber normalverteilt mit dem Erwartungswert

\[ \begin{equation*} E[\,r_{i}\,] = \Omega(r_{i};\{\theta_{j}\})=\hat{r}_{i};\quad \forall i, \end{equation*} \]

dann folgt \(z\) der \(\chi_{\alpha}^{2}(z)\)-Verteilung:

\[ \begin{equation*} \begin{split} &\chi^{2}_{\alpha}(x) = \frac{1}{2^{\alpha/2}\Gamma(\alpha/2)} x^{\alpha/2-1}e^{-x/2}; \\ &\\ &\text{mit} \\ &\\ &\Gamma(x) = \int e^{-t}t^{x-1}\,\mathrm{d}t; \qquad \alpha = n-k; \\ &\\ &E[x] = \alpha; \\ &\\ &\mathrm{var}[x] = 2\alpha. \\ \end{split} \end{equation*} \]

Die Funktion \(\chi_{\alpha}^{2}\) ist auf eins normiert und damit selbst eine Wahrscheinlichkeitsdichteverteilung, \(E[x]\) ist der Erwartungswert und \(\mathrm{var}[x]\) die Varianz der Verteilung. Der Verlauf der Verteilung, für einige Werte von \(\alpha\), ist in Abb. 3 gezeigt:


Abb. 3

Abb. 3: Verlauf der \(\chi_{\alpha}^{2}\)-Verteilung für einige Werte von \(\alpha\). Das Skript zur Erzeugung dieser einzelnen Kurven finden Sie hier


Freiheitsgrad

Man bezeichnet \(\alpha\) als Freiheitsgrad. Dieser Begriff leitet sich aus der folgenden, beispielhaft für eine Gerade beschriebenen, Beobachtung ab:

🔬 In der \(xy\)-Ebene wird eine Gerade durch zwei Datenpunkte \((x_{1}, y_{1})\) und \((x_{2}, y_{2})\) eindeutig bestimmt. Das mathematische Modell zur Beschreibung einer Geraden,

\[ \begin{equation*} \Omega(x;\,\theta_{0},\theta_{1}):\quad y(x; \theta_{0}, \theta_{1}) = \theta_{0}\,x+\theta_{1} \end{equation*} \]

besitzt zwei Parameter, die Steigung \(\theta_{0}\) und den Achsenabschnitt \(\theta_{1}\). Durch die Punkte \((x_{1}, y_{1})\) und \((x_{2}, y_{2})\) sind beide Parameter eindeutig bestimmt und es besteht keine Freiheit diese zu variieren.

Ein Modell, das genauso viele Parameter besitzt, wie Datenpunkte zur Anpassung zur Verfügung stehen, bezeichnet man als saturiert.

Das Modell \(\Omega\) verläuft durch jeden Datenpunkt exakt. Sobald ein weiterer Punkt \((x_{3}, y_{3})\) hinzukommt ist nicht mehr garantiert, dass \(\Omega\) durch geeignete Wahl von \(\theta_{0}\) und \(\theta_{1}\) jeden Punkt exakt berührt und das Minimum von \(z\) wird nicht mehr trivial gefunden.

→ Das Modell hat einen Freiheitsgrad, aus dem ein nicht-triviales Minimum abgeleitet werden kann.

➡️ \(\chi^{2}\)-Test

\(\chi^{2}\)-Wert

Hinweis

Ungeachtet des Umstandes, dass i.a. ein Satz von Parametern \(\{\hat{\theta}_{j}\}\) existiert, für den \(z\) minimal wird, kann die Beschreibung der Daten durch \(\Omega(r,\{\hat{\theta}_{j}\})\) immer noch unzureichend sein.

Ein Maß dafür, wie gut \(\Omega\) die \(\{\hat{r}_{i}\}\), bei best-möglicher Wahl der \(\{\theta_{j}\}\), beschreibt ist der Wert von \(z\) im Minimum

\[ \begin{equation*} \hat{z}=\min_{\{\theta_{j}\}}\left(z(\{\theta_{j}\},\{\hat{r}_{i}\})\right). \end{equation*} \]

Dabei gilt:

  • \(\hat{z}/\alpha\lesssim 1\): Das Modell ist mit den Daten verträglich.
  • \(\hat{z}/\alpha\gg 1\): Das Modell ist mit den Daten nicht verträglich.

Den Wert \(\hat{z}\) bezeichnet man als \(\chi^{2}\)-Wert. Führt eine Anpassung auf einen Wert von \(\hat{z}/\alpha\gg 1\), dann ist das zugrundeliegende Modell im Rahmen der \(\{\Delta \hat{r}_{i}\}\) nicht (gut) mit den \(\{\hat{r}_{i}\}\) kompatibel.

Tip

Der \(\chi^{2}\)-Wert pro Freiheitsgrad \(\hat{z}/\alpha\) hat eine anschauliche Bedeutung: Er ist ein Maß für die mittlere Spannung zwischen dem Modell und einem Datenpunkt.

Sind die \(\{r_{i}\}\) normalverteilt und werden sie tatsächlich durch \(\Omega\) beschrieben gilt

\[ \begin{equation*} E[\,\hat{z}/\alpha\,]=1. \end{equation*} \]

Dieser Umstand folgt aus dem Erwartungswert der \(\chi^{2}\)-Verteilung.

\(p\)-Wert

Der p-Wert ist das Integral

\[ \begin{equation*} p_{\hat{z}} = \int\limits_{\hat{z}}^{\infty}\chi_{\alpha}^{2}(z)\,\mathrm{d}z, \end{equation*} \]

wobei \(\hat{z}\) i.a. den beobachteten Wert der Größe \(z\) aus einer durchgeführten Stichprobe (Messung) bezeichnet.

Da \(\chi_{\alpha}^{2}\) auf eins normiert ist, entspricht \(p_{\hat{z}}\) der Wahrscheinlichkeit dafür, einen Wert von \(z\geq \hat{z}\) anzutreffen.

Dies entspricht der Wahrscheinlichkeit dafür, für den Fall, dass die \(\{r_{i}\}\) tatsächlich durch \(\Omega\) beschrieben werden und normalverteilt sind, eine schlechtere Übereinstimmung zwischen \(\Omega\) und den \(\{r_{i}\}\) zu erhalten, als durch \(hat{z}\) beobachtet.

Hinweis

Der p-Wert selbst ist auch wieder eine Zufallsvariable, die, wenn die zu ihrer Berechnung gemachten Annahmen erfüllt sind, in ihrem Wertebereich (zwischen 0 und 1) gleich verteilt ist.

Beispiel

Sie nehmen die Anpassung eines Modells \(\Omega\) mit \(k=5\) Parametern an \(n=15\) Datenpunkte \(\{r_{i}\}\) vor, d.h. \(\alpha=10\). Nach Anpassung erhalten Sie einen \(\chi^{2}\)-Wert von

\[ \begin{equation*} \hat{z}=20;\quad \hat{z}/\alpha=2. \end{equation*} \]

Unter der Annahme, das die \(\{r_{i}\}\) normalverteilt sind und ihre Erwartungswerte wirklich durch \(\Omega\) beschrieben werden ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 3% ein Ausgang des Experiments mit

\[ \begin{equation*} \hat{z}\geq 20 \end{equation*} \]

zu erwarten. Man erhält diese Wahrscheinlichkeit aus dem Integral

\[ \begin{equation*} p_{20} = \int\limits_{\hat{z}=20}^{\infty}\chi_{10}^{2}(z)\,\mathrm{d}z=0.03. \end{equation*} \]

Es bleibt Ihnen überlassen, basierend auf dieser Abschätzung die Hypothese, dass die \(\{\hat{r}_{i}\}\) tatsächlich durch \(\Omega\) beschrieben werden zu verwerfen oder nicht.

Um für die Beziehung zwischen \(\chi^{2}\)-Wert und p-Wert ein Gefühl zu bekommen können Sie dieses und ein paar weitere Beispiele mit dieser Web-Anwendung der University of Illinois überprüfen.

Hinweis

Falls ein Modell wirklich Probleme bei der Beschreibung von Datenpunkten hat kann der p-Wert rasch Werte \(\mathcal{O}(10^{-3}-10^{-10})\) und kleiner(!) annehmen.

Obwohl man sich manchmal aus pragmatischen Gründen dazu entscheidet, ist es grundsätzlich zweifelhaft die Ergebnisse einer Anpassung mit sehr niedrigen p-Werten (unkommentiert) anzugeben oder weiter zu verarbeiten.

➡️ Die Programmpakete kafe2 und PhyPraKit

Bei der Verwendung der Programmpakte kafe2 und PhyPraKit wird zu jeder Parameteranpassung der \(\chi^{2}\)-Wert mit ausgegeben, was Ihnen eine Aussage über die Güte der Anpassung (goodness-of-fit) erlaubt. Sie sollten diesen Wert grundsätzlich bei jeder Parameteranpassung mit beachten und diskutieren.


📌 Erwartung

Was wir an dieser Stelle von Ihnen erwarten:

Lernziele

  • Sie können anhand einer Skizze, wie in Abb. 1 erklären, wie die Methode der kleinsten Quadrate funktioniert.
  • Sie kennen den Zusammenhang zwischen \(z\) und der \(\chi_{\alpha}^{2}\)-Verteilung für \(\alpha\) Freiheitsgrade.
  • Sie können anhand eines Beispiels erklären, was ein Freiheitsgrad ist.
  • Sie können nach einer Anpassung anhand der Größe \(\chi^{2}/\alpha\) eine Einschätzung darüber abgeben, ob das angepasste Modell die Datenpunkte innerhalb der Unsicherheiten der Datenpunkte beschreibt oder nicht.

📝 Selbsttest

Fragen

  1. Bei der Berechnung des \(p\)-Werts legen wir die Hypothese zugrunde, dass das Modell wirklich die Datenpunkte beschreibt. An welcher Stelle kommt diese Annahme in den Gleichungen im Abschnitt \(\chi^{2}\)-Test zum Ausdruck?
  2. Wie kommen die Aussagen über die Größe \(\chi^{2}/\alpha\) und die Kompatibilität von Modellen mit den Messwerten zustande?
  3. Welchen quantitativen Einfluss hat es auf eine Anpassung nach der Methode der kleinsten Quadrate, wenn die Fehlerbalken der Messungen nicht (nach bestem Wissen und Gewissen) den 68%-Konfidenzintervallen entsprechen?